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16-Jährige findet tot geglaubten Vater über Trace the Face wieder

Ayasha H.* denkt, dass ihr Vater tot ist. Verschollen, nachdem sie sich Mitte 2013 in einer chaotischen Nacht an der Grenze zwischen dem Iran und der Türkei verloren haben. Jetzt sitzt die 16-Jährige mit ihrer Mutter im Büro von Birgit Koch beim DRK-Suchdienst in Nürnberg. Auf einem Computerbildschirm erscheint ein fremdes Gesicht nach dem anderen. Ayashas Mutter starrt auf die Bilder und hält die Hand ihrer Tochter dabei fest gedrückt.

Anfang September 2015 waren Ayasha und ihre Mutter Saida* aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, zusammen mit vier weiteren Geschwistern, einem Bruder und drei Schwestern. Nach zwei Monaten und 24 Tagen auf der Flucht – Ayasha weiß es auf den Tag genau – erreichten sie Deutschland und beantragten hier Asyl.

Heute, nur wenige Monate später, funkeln ihre Augen und ihr Lächeln lässt nichts von ihrem schweren Weg bis hierher ahnen. Ihr Kopftuch ist locker um die Haare gelegt, sie trägt Hosen und einen beigen Wollpullover.

Es war bereits ihre zweite Flucht aus Afghanistan. In 2013 hatte die komplette Familie die Provinz P. in Afghanistan verlassen: Mutter, Vater und acht Kinder zwischen 3 und 15, vier Jungen und vier Mädchen. Ayashas Vater Zahid* war lange für die afghanische Armee tätig, die eng mit den internationalen Truppen im Land zusammen arbeitete. Zuletzt wurde er zunehmend bedroht und unter Druck gesetzt, er solle aufhören, mit den „Ungläubigen“ zu kooperieren. Einer seiner Söhne wurde sogar deswegen misshandelt.

Im Frühjahr 2013 beschloss die gesamte Familie daher, sich auf den Weg ins Ungewisse zu begeben, „nach Deutschland oder Schweden“. Sie erreichten mit Bussen und Autos die Grenze zwischen Iran und der Türkei, wo sie sich gemeinsam mit vielen anderen Flüchtlingen zunächst versteckten und auf einen günstigen Zeitpunkt warteten, die Grenze zu überqueren.

Als die große Gruppe die Grenze schließlich zu Fuß passieren wollte, trat eine Person dabei auf eine Mine. Die Explosion alarmierte die iranischen Grenzsoldaten und die Flüchtlinge wurden entdeckt. Die Familie war auf der Flucht getrennt worden; der Vater, Zahid, schaffte es mit drei Söhnen über die Grenze in die Türkei. Aber Ayasha war mit ihrer Mutter, ihren drei Schwestern und ihrem jüngsten Bruder auf der iranischen Seite verhaftet worden. Sechs Monate mussten sie in einem iranischen Gefängnis bleiben, bevor sie ausgewiesen wurden. Zurück nach Afghanistan. Zurück auf Los.

Zahid und die drei älteren Söhne erfuhren erst später, dass seine Frau und die Kinder, ihre Mutter und die Geschwister, es nicht über die Grenze geschafft hatten. „Der Schlepper, der uns vom Iran in die Türkei gebracht hat, sagte, meine Frau und die übrigen Kinder seien schon auf dem Weg nach Istanbul. Wir würden sie dort treffen. Da sind wir natürlich mit nach Istanbul gefahren, aber sie waren nicht da.“

Vater und Söhne verbrachten mehrere Monate in Istanbul und suchten sie. Erfolglos.

„Die Schlepper brachten uns in eine Wohnung. Ich musste meine Söhne tagsüber dort zurücklassen, weil unsere Helfer nicht riskieren wollten, dass ich verschwände, ohne sie zu bezahlen“, sagt Zahid.

Nach einem Monat in Istanbul tauchte eine Person auf, „ein Polizist“, wie Zahid H. Amtsträger oft bezeichnet. „Er sagte zu mir und meinen Söhnen, wir sollten entweder in der Türkei Asyl beantragen oder fortgehen, wenn wir nach Europa wollten. Wir sind dann weiter Richtung Deutschland gereist.“

Zahid und seine drei Söhne kamen nach Bayern und beantragten Asyl. Vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erfuhren sie, dass sie über das Rote Kreuz nach verlorenen Familienangehörigen suchen könnten. So wandte sich Zahid H. mit Hilfe seiner Erstaufnahmeeinrichtung an den DRK-Suchdienst. Ein Foto von ihm wurde im Feburar 2014 auf der Website Trace the Face vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) veröffentlicht und wie alle anderen Bilder dort auch mit einem schlichten Zusatz versehen: „Ich suche meine Familie“.

Das Foto von ihm war seitdem im Internet offen einsehbar. Theoretisch hätte es seine Familie entdecken können, als sie wieder zurück in Afghanistan war. Wenn sie dort einen Internetzugang gehabt hätten. Und einen Computer. Und wenn die Mutter oder ihre Töchter hätten lesen können. Bevor sie nach Deutschland kamen, konnte niemand in der Familie lesen.

Saida H., die Mutter die mit den Töchtern nach Afghanistan zurückkehrte, erinnert sich:

„Wir wohnten nach unserer Rückkehr aus dem Iran bei Verwandten in Kabul, nicht mehr in unserem Heimatort. Mein Mann war verschollen und ich hatte eigentlich keine Hoffnung, ihn jemals wiederzusehen. Ich wurde in dieser Zeit sehr unter Druck gesetzt. Wir gehören zur Volksgruppe der Hazara und es hieß immer, meine Töchter sollten mit echten Afghanen, Pashtunen, verheiratet werden. Das wollte ich aber nicht. Ich wollte meine Töchter nicht weggeben.“

Nach fast zwei Jahren in Kabul begibt sie sich erneut mit ihren Kindern auf den Weg nach Deutschland. Diesmal gelingt die Flucht; nach zwei Monaten und 24 Tagen erreichen sie ein Aufnahmelager in Bayern. Ein Mitarbeiter gibt ihnen den Tipp, dass sie über das Rote Kreuz nach verlorenen Familienmitgliedern suchen können. Vielleicht seien Mann und Söhne doch am Leben und befänden sich sogar ebenfalls in Deutschland, meinte er. Zusammen mit Ayasha, der mittlerweile 16-jährigen Tochter, vereinbart Saida H. daraufhin einen Termin beim DRK-Suchdienst in Nürnberg.

September 2015. Birgit Koch sitzt mit Saida und Ayasha in ihrem Büro in der Suchdienst-Beratungsstelle Nürnberg und klickt weiter durch die vielen Fotos auf der Website Trace the Face. Plötzlich entdeckt Ayasha das Gesicht ihres Vaters. Die Mutter erkennt ihn auch und springt vor Aufregung auf, hält die Hände über den Mund, aus dem Laute der Fassungslosigkeit dringen. Da ist er!

In einer bayerischen Kleinstadt sitzt die ganze Familie kurz nach Weihnachten zusammen in einer Flüchtlingsunterkunft, auf Betten, auf dem Boden und in Sesseln. Ayasha vermag es rückblickend nicht, den Moment näher zu beschreiben. Sie lächelt tapfer, beginnt eine Handbewegung in Richtung ihres Vaters, als wolle sie etwas sagen, aber schüttelt dann stumm den Kopf und schließt die Augen. Sie steht auf und geht aus dem Raum, um ihre Tränen zu verbergen. Was soll sie auch sagen? Als sie sich im September die Fotos von suchenden Menschen auf der Website Trace the Face anschauten, befürchteten sie ja, ihr Vater sei tot. Und dann war er da plötzlich, sogar in Bayern, ganz in ihrer Nähe, wie es Birgit Koch schnell recherchierte.

Wenig später ist Familie H. dann endlich wieder komplett. Zehn Personen verließen 2013 Afghanistan und zwei Jahre später sind sie wieder zusammen und in Deutschland wohl auf. Vier der Kinder gehen mittlerweile zur Schule und lernen nun als erste in der Familie, Lesen und Schreiben - in deutscher Sprache. Zahid träumt davon, in einer Autowerkstatt zu arbeiten, und die 16-jährige Ayasha hat auch schon einen Berufswunsch: „Polizistin“, sagt sie und lächelt selbstbewusst. „Polizisten helfen Menschen. Deshalb will ich das werden.“

*Name von der Redaktion geändert.