Trace the Face -
Online-Suche mit Fotos
Family Links Poster
Trace the Face -
auch auf Facebook 
Link zum internationalen Suchdienst-Netzwerk Family Links Network

Melden Sie sich hier für den DRK-Suchdienst-Newsletter an.

Datenschutzerklärung

DRK-Suchdienst in Ihrer Nähe:

Helga Worzischek findet heraus, wo ihr Vater starb

Das Bild mit Helga Worzischek (damals Zippro) als Baby und vier ihrer Geschwister. Das Bild schickte die Mutter ins sowjetische Kriegsgefängnis und bekam es nach dem Tod des Ehemannes von einem seiner Kameraden zurück. Foto: Privat
Das Bild mit Helga Worzischek (damals Zippro) als Baby und vier ihrer Geschwister. Das Bild schickte die Mutter ins sowjetische Kriegsgefängnis und bekam es nach dem Tod des Ehemanns von einem Kameraden zurück. Foto: Privat

Helga Worzischek ist 74 Jahre alt und wohnt in Nordhorn an der holländischen Grenze. Sie ist 1940 geboren und hat keine Erinnerung an ihren Vater. Sie ist die jüngste von sieben Geschwistern.

„Ich habe das Wort „Vater“ gekannt, aber nie einen gehabt“, sagt sie. „Je älter ich werde, je mehr denke ich an meinem  Vater und was mit ihm passiert sein mag bis zu seinem Tode irgendwo in Russland.“

In November 2014 wendet sich Helga Worzischek schließlich an das DRK und füllt am eigenen Computer online eine Suchformular aus. „Ich kenne weder seinen Dienstgrad, noch Todestag und Sterbeort, und würde gerne etwas darüber erfahren“, schreibt sie. „Meine Mutter ließ meinen Vater nach ihren Recherchen, die mir leider unbekannt sind, für tot erklären.“

Ein Zeichen vom Vater hatte die Familie von Helga Worzischek damals jedoch erreicht: Während er in Gefangenschaft war, konnte die Familie ihm schreiben und hatte ein Foto ins Gefangenenlager geschickt.

„„Es ist ein wunderschönes Bild. Von mir und meinen Geschwistern“, sagt Helga Worzischek. „Wir haben es hingeschickt, aber von ihm nie eine Antwort darauf erhalten.“

1950 kehrte ein Mitgefangener zurück nach Deutschland. Er kannte Emil Zippro, wie der Vater hieß, und brachte das Foto wieder zurück.

„Da war für uns klar, dass mein Vater tot sein musste. Dieser Kamerad sagte, das Bild hätte meinem Vater viel bedeutet. Er kannte ja mich als kleinstes Kind auch kaum, genau so wie ich ihn nicht kannte. Er hat es wohl oft angeschaut.“ 

Fund in München
Beim Suchdienstliegen 2014 tatsächlich weitere Informationen über Helga Worzischeks Vater vor. Emil Zippro (Dienstgrad: „Gefreiter“) wurde im März 1943 zum 492. Infanterie-Bataillon eingezogen, er geriet höchstwahrscheinlich am 24. März 1945 in Danzig in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er war in mehreren Lagern interniert und starb am 16.04.1948 im Kriegsgefangenenlager in Orsk, 1.800 Km südöstlich von Moskau. Er sei an „allgemeiner körperlicher Schwäche“ gestorben.

Emil Zippro wurde 39 Jahre alt. Wenige Monate vor seinem Tod war er noch zu 25 weiteren Haftjahren verurteilt worden. Helga Worzischek hat nun die Kopien der Akten aus den sowjetischen Behörden vor sich, vom DRK-Suchdienst übersetzt:

„Sie sagen, er wurde wegen Lebensmitteldiebstahl verurteilt. Wer weiß, was das war oder was er da geklaut hat. Aber er war wohl nicht gerade gut eingedeckt im Gefangenenlager“, sagt sie.

Die Unterschrift von Emil Zippro ist auf dem Urteil zu lesen.

„Es ist das erste Mal, dass ich seine Unterschrift sehe. Wie mag er sich da gefühlt haben, als er dieses Urteil auf 25 weitere Jahre Haft unterschrieben hat?“

Tausende Anfragen jährlich

Diese Informationen, die der Suchdienst Helga Worzischek mitteilen kann, sind vergleichsweise frisch. Erst seit den 90er Jahren, nach dem Ende der Sowjetunion, hat das DRK Zugang zu unterschiedlichen russischen Archiven, wo Kriegsgefangene sehr genau erfasst worden sind. Diese Daten wurden ins bestehende Suchdienst-Archiv in München integriert.

Nach und nach bekamen so zehntausende Menschen in Deutschland, deren Suchfälle noch ungeklärt waren, Post vom Suchdienst mit den neuen Informationen aus Russland. In vielen Fällen liegen heute allerdings die Anfragen so weit zurück, dass die Adressen nicht mehr aktuell sind.

„Heute geben wir vor allem dann Informationen weiter, wenn Angehörige sich an uns wenden. Wie in diesem Fall mit Frau Worzischek“, sagt Christoph Raneberg, Leiter Dokumentation am Suchdienst-Standort München.

Der Suchdienst erhält jährlich über 10.000 Anfragen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. „In bis zu 50 Prozent der Fälle können wir den Anfragenden Auskünfte aus unseren Beständen erteilen“, sagt Raneberg.

Bild ist wieder zuhause

Helga Worzischek ist ihrem Vater nach so vielen Jahren einen bedeutenden Schritt näher gekommen. Der DRK-Suchdienst übersandte ihr einen Lageplan vom Lager in Orsk, wo ihr Vater starb. Über den „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ kann Helga Worzischek sogar nach der genauen Grablage suchen. Und es wäre darüberhinaus sogar möglich, das Urteil gegen ihren Vater anzufechten und ggf. nachträglich aufheben  zu lassen. Das Gesetz der Russischen Föderation „Über die Rehabilitierung von Opfern politischer Repressionen“ ist aber für Helga Worzischek uninteressant. Eher lockt sie die Möglichkeit, den Ort Orsk zu besuchen.

„Ich weiß aber nicht, ob wir wirklich hinfahren“, sagt sie. „Mein Mann betreibt richtig Ahnenforschung und hat alle bedeutenden Plätze unserer beiden Familien besucht. Vielleicht schaffen wir es auch nach Russland.“

Das Familienfoto von Helga Worzischek und ihren Geschwister hängt heute – fast 65 Jahre nachdem es aus dem Kriegsgefangenenlager Orsk zurück kam – noch an der Wand in der Wohnung von Helga Worzischeks älterer Schwester