Trace the Face -
Online-Suche mit Fotos
Family Links Poster
Trace the Face -
auch auf Facebook 
Link zum internationalen Suchdienst-Netzwerk Family Links Network

Melden Sie sich hier für den DRK-Suchdienst-Newsletter an.

Datenschutzerklärung

DRK-Suchdienst in Ihrer Nähe:

Ein unerwartetes Telefonat

Auf Plakaten wie diesem werden anonyme Bilder von Suchenden veröffentlicht. Wer ein Gesicht erkennt, kann sich an den Suchdienst wenden.Wie Nabila Karmi aus Syrien plötzlich wieder die Stimme ihres Vaters hörte

Dank des DRK-Suchdienstes fand die 30-jährige Nabila Karmi*, wohnhaft in Heilbronn, ihren Vater wieder. Oder besser: Er fand sie, nachdem Nabila ihr Foto auf einer Webseite des Roten Kreuzes veröffentlicht hatte. „Plötzlich gab mir das Deutsche Rote Kreuz (DRK) einfach seine Nummer. Ich habe angerufen, und dann haben wir nur geweint“, lacht Nabila Karmi. Es ist der erste Fall, der mit einer neuen Möglichkeit der Online-Suche gelöste wurde, eine Initiative des Internationalen Komitees (IKRK) und 18 europäischer Rotkreuzgesellschaften.

Nabila Karmi stammt aus Damaskus in Syrien. Sie lebte dort mit ihrem Mann, ihren Kindern, ihren Eltern und Geschwistern. Eine Großfamilie, wie sie in vielen Staaten im Nahen Osten zu finden ist. Im September 2012 halten sie es wegen der ständigen Bedrohung und aus Angst vor den Bomben zuhause nicht mehr aus; Nabila und ihr Mann beschlossen, mit ihren kleinen Kindern zu fliehen.

„Damaskus war bis dahin zwar friedlich, aber es war nur eine Frage der Zeit, dass der Konflikt auch uns erreichte“, erinnert sich Nabila.

Die Flucht sollte über die Berge in die Türkei gehen, eine gefährliche Reise und die Eltern, die zurückblieben, machten sich natürlich große Sorgen. „Wenn es mir gut geht, geht es auch meinen Eltern gut“, sagt Nabila. „So habe ich es für mich gerechtfertigt, sie zu verlassen.“

Auf dieser Webseite entdeckte Nabila Karmis Vater ihr Bild. Das Bild ist mittlerweile von der Seite genommen.Nabila, ihr Mann und die Kinder erreichten die Türkei zu Fuß. Sie waren vier von über 120.000 syrischen Flüchtlingen. Und täglich kamen im Herbst 2012 Hunderte mehr dazu. Im Dezember 2013 drängeln sich schon über eine halbe Million Menschen aus Syrien in der Türkei. Die Regierung ist unschlüssig, wie sie mit den vielen Flüchtlingen umgehen soll. „Unsere Kinder durften da nicht zur Schule gehen“, sagt Nabila Karmi.

Die Türkei war auf Dauer keine Lösung. Die Familie reiste im Frühjahr 2013 mit gefälschten schwedischen Pässen weiter nach Deutschland. „Ich habe die Pässe in der Türkei gekauft. Sie waren gut genug für die Ausreise, aber als wir in Düsseldorf landeten, erkannte die Polizei schnell, dass etwas nicht stimmte. Da wir aus Syrien kommen, haben wir Asyl beantragt und eine Aufenthaltsgestattung für die Dauer des Asylverfahrens bekommen.“ Wie es danach weitergeht, ist nicht klar. Die Kinder, mittlerweile 8 und 10 Jahre alt, gehen zur Schule, Nabila und ihr Mann lernen Deutsch.

Während der Flucht hatte Nabila den Kontakt zu ihren Eltern verloren. Der Wohnort der Familie in Damaskus wurde im Dezember 2012 – wie es Nabila befürchtet hatte - von einer Rakete getroffen. Ihr Vater, ihre Mutter und eine Schwester flohen in den Libanon. Von dort konnten sie nicht telefonieren und es bestand kein Kontakt mehr.

Nabila erinnert sich: „Ich hörte hin und wieder von Menschen im Libanon, dass es meinen Eltern gut gehe. Aber das war sehr selten. Dann erfuhr ich, dass sie in die Türkei weitergefahren seien.“

Nabila recherchierte im Internet und stieß auf Geschichten, in denen das Rote Kreuz auf der Flucht getrennte Familien wieder vereint hatte. Im Oktober 2013 sandte sie eine E-Mail auf Englisch an das DRK und schilderte ihre Situation.

Diese Mail wurde beim DRK-Suchdienst in München geöffnet. Genau genommen von Kalliopi Palesti, die im Bereich „Internationale Suche“ arbeitet. Kalliopi Palesti sucht hauptberuflich nach Nadeln in Heuhaufen. Sie erinnert sich: „Eine Person auf der Flucht, die nicht weiß, wo der Rest der Familie ist, wendet sich an uns. Sie weiß nur, dass ihre Angehörigen nicht mehr da sind, wo sie einmal waren. Vielleicht sind sie in der Türkei. Oder möglicherweise in Europa.“

Kalliopi Palesti schickte Nabilas ursprüngliche Suchanfrage an 15 europäische Rotkreuzgesellschaften. Und an den Türkischen Roten Halbmond. Eine solche Anfrage beinhaltet zwar alle Angaben zum Fall, aber im Endeffekt ist es nur eine einzige Frage: „Ist Familie Karmi aus Damaskus zufällig bei euch?“

Der Suchdienst nutzte aber auch einen neuen Weg der Online-Suche: Im September 2013 startete das IKRK gemeinsam mit 18 europäischen Rotkreuzgesellschaften das Projekt „Family Links Posters“. Dieses ermöglicht Menschen, die sich in Deutschland aufhalten und bei einem unfreiwilligen Kontaktabbruch nach Flucht oder Migration Familienangehörige in einem der Länder Europas vermuten, einen neuen Weg der Suchanfrage. Dieser steht genauso im Einklang mit den datenschutzrechtlichen Bestimmungen wie die generelle Suche. Auf der Website http://familylinks.icrc.org/europe können neu Fotos von Menschen, die ihre Angehörigen suchen, im Internet eingestellt werden. Komplett anonymisiert. Nur das Bild, mit dem Hinweis auf die Gesuchten. Am 26. November erschien Nabila Karmis Bild online. „Ich suche meine Familie“, stand quer darunter sowie ein Link: „Haben Sie Hinweise zu dieser Person?“. Die E-Mail, die durch einen entsprechenden Klick generiert wird, erreicht direkt die Rotkreuzgesellschaft, die für die suchende Person zuständig ist, im Fall von Nabila Karmi das Deutsche Rote Kreuz und damit Kalliopi Palesti vom DRK-Suchdienst. Am 28. November, nur zwei Tage, nachdem das Bild online gestellt worden war, erreichte sie diese E-Mail: „Mein Name ist Karmi. Die Frau auf dem Foto ist meine Tochter. Können Sie mir dabei helfen, mit ihr in Kontakt zu kommen? Meine Telefonnummer ist...“

Kalliopi Palesti griff zum Telefonhörer und rief gleich Nabila Karmi an. Nabila Karmi erinnert sich:
„Ich war im Deutschunterricht. Mein Telefon klingelte um drei Uhr und es war das Rote Kreuz. Ich dachte, sie benötigen noch mehr Angaben von mir, und sagte, dass wir später telefonieren müssten.“

Um vier Uhr war Nabila wieder zu Hause. Kalliopi Palesti rief erneut bei ihr an und übermittelte die so lang ersehnte Nachricht.
„Ich konnte es nicht glauben! Es ging so schnell. Mein Bild war doch erst seit zwei Tagen im Internet - und ich hatte ein ganzes Jahr vergeblich gesucht! Jetzt hielt ich eine Nummer in den Händen. Ich wählte diese und wirklich: Mein Vater nahm am anderen Ende ab!“

Nabilas Vater befand sich tatsächlich in der Türkei. Der Rest der Familie war zuerst in den Libanon geflohen, aber nach zwei Monaten dort ging es weiter in die Türkei. Er hatte im Internet zunächst erfolglos nach der Tochter recherchiert. Am 28. November 2013, mittags, entdeckte er sie dann plötzlich auf der Webseite http://familylinks.icrc.org und klickte auf den Link. Am Nachmittag, wenige Stunden später, klingelte sein Handy. Eine deutsche Nummer im Display.

„Wir haben nur geweint, gar nicht gesprochen“, sagt Nabila. „Ich war so glücklich.“

Sie verabredeten sich für ein Skype-Telefonat noch am gleichen Abend. Über das Internet, damit sie sich auch sehen könnten. Beide Hälften der gleichen Familie, von bewaffnetem Konflikt aus der Heimat getrieben. Die eine Hälfte – Nabilas Mutter, ihr Vater und eine Schwester - in der Türkei. Die andere Hälfte – Nabila, ihr Mann, ihre Kinder- in Deutschland. „Die ganze Nacht haben wir geskyped. Ich wollte alles wissen. Sie wollten alles wissen, die Kinder wollten ihre Großeltern sehen. Es war ein Durcheinander, aber ein schönes Durcheinander.“

Heute, das erste Telefonat ist kaum drei Wochen her, steht die Familie über das Internet jeden Tag im Kontakt miteinander. Es ist nicht sicher, ob ihr Asylantrag in Deutschland bewilligt wird. Noch fraglicher ist, ob die Großeltern ihnen nachkommen dürfen, wie sie es sich sehr wünschen. Aber, wenn auch für den Moment nur abends vor dem Computer: Nabila und ihre Familie sind wieder vereint.

*Anmerkung der Redaktion
Nabila Karmi heißt eigentlich anders; sie bittet darum, dass wir ihren richtigen Namen nicht nennen. Das haben wir respektiert und daher auch sonstige Angaben geändert, die Rückschlüsse auf ihre Person zulassen würden.