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Junger Mann findet Mutter wieder

Solomon T. zeigt auf sein Zuhause in Eritrea.
Solomon T. zeigt auf sein Zuhause in Eritrea. (Foto: DRK-Suchdienst)
Zwei Jahre lang hat er sie nicht mehr gehört – die Stimme seiner Mutter, die Solomon T. immer daran erinnert, wo sein Zuhause ist. An einem Oktobertag im Jahr 2017 in Halberstadt ist er ihr plötzlich wieder ganz nah: Er hält einen Brief in der Hand – eine Rotkreuz-Nachricht – von seiner Mutter.
 
Zuvor hatte Solomon T. zusammen mit dem DRK-Suchdienst das Haus seiner Mutter über Google Maps ausfindig gemacht und einen Brief für sie samt Wegbeschreibung an die Vertretung des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Eritrea weitergegeben. Und tatsächlich hat seine Mutter diesen Brief an sie dort zuhause erhalten.
 
Solomon ist einer der vielen Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren auf dem Weg nach Europa den Kontakt zu ihren Angehörigen verloren haben – und ohne Hilfe vermutlich bis heute keinen Kontakt zu seiner Mutter hätte. Tausende Familien werden Jahr für Jahr durch bewaffnete Konflikte, Katastrophen, Flucht, Vertreibung oder Migration auseinander gerissen. So auch Solomon T. und seine Familie. 
Als der 17-Jährige im Juni 2016 nach Halberstadt in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ankommt, ist er körperlich und seelisch erschöpft von der Flucht.
 
Über sechs Monate lang war er auf einer schweren und gefahrvollen Reise von Eritrea über mehrere Länder schließlich nach Halberstadt gelangt. Ein Jahr zuvor, im Juni 2015 sitzt Solomon T., zusammen mit über 100 Personen eingepfercht, in einem Lkw Richtung Sudan. Fünf Tage braucht der Wagen von der Grenze bis nach Khartum. Danach verbringt er mehrere Monate in Libyen, wartet mit anderen Geflüchteten in einer großen Lagerhalle an der Nordküste auf einen Platz in einem der Boote.
 
In einer Nacht im Winter 2015/2016 geht es von Libyen aus los. Im Schutz der Dunkelheit wird er mit einer Gruppe anderer Flüchtlinge per Lkw zur Küste gebracht. Ein kleines Schlauchboot, so erzählt Solomon T. weiter, transportiert die Menschen im Pendelverkehr zu einem größeren Boot. Immer wieder wird eine neue Gruppe vom Strand abgeholt und im wartenden Boot ausgeladen. Dann startet das überladene, offene Boot mit „über 100 Menschen“ und nimmt Kurs nach Norden, Richtung Europa.
 
Nach sechs Stunden auf See geht der Motor plötzlich aus. „Es sind schlechte, billige Boote,  egal, was mit uns passiert. Der Motor war einfach kaputt.“ Solomon T. schüttelt den Kopf. „Ich hatte noch nie solche Angst“, sagt er und bewegt seinen Oberkörper hin und her, um den Wellengang zu verdeutlichen. „Es war dunkel und ich wusste nicht, was mit uns passiert.“
Womöglich war einfach der Treibstoff ausgegangen. Das treibende Boot wird glücklicherweise gesichtet und die Retter bringen seine Insassen nach Italien. Drei Monate später steigt Solomon T. in einen Zug Richtung Deutschland und beantragt hier Asyl. 
 
Jetzt ist er in Halberstadt. Ausatmen. Zur Ruhe kommen. Jetzt, nachdem der ganze Wahnsinn ein Ende hat. Er wohnt in einer betreuten Unterkunft, er ist gut aufgehoben. Als sie erfährt, dass er keinen Kontakt zu seiner Mutter hat, bringt eine Sozialarbeiterin ihn zum DRK-Suchdienst..
 
Silke Piel, Leiterin Suchdienst im DRK-Landesverband Sachsen-Anhalt, fotografiert Solomon T. und sein Bild wird auf die Website www.tracetheface.org vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz hochgeladen. „Ich suche meine Mutter“, steht unter seinem Foto. Trace the Face ist ein Instrument, das die Online-Suche mit Fotos nach vermissten Personen ermöglicht. Für viele Flüchtlinge und Migranten, die wenig bis keine Anhaltspunkte haben, wo ihre Familienmitglieder während ihrer Flucht entlang der Migrationsrouten nach Europa verblieben sein könnten, ist die Suchmöglichkeit des Roten Kreuzes über Trace the Face oft die letzte Hoffnung.
 
Diese Suchanstrengung bleibt leider zunächst erfolglos – aber die beiden geben nicht auf. Mit Hilfe eines Online-Kartendienstes, über den Satellitenaufnahmen der ganzen Welt frei zugänglich sind, finden sie das Dorf seiner Mutter und zoomen sich an die Häuser heran. Solomon T. meint, das Haus seiner Mutter zu erkennen. 
 
„So gehe ich oft vor“, sagt Sike Piel. „Zusammen mit den Klienten zeichne ich Landkarten und mache Skizzen. Viele, die gesucht werden, haben keine Adresse oder Postleitzahl, wie wir es in Deutschland gewohnt sind.“
 
Das Haus, das auf Silke Piels Bildschirm erscheint, liegt hinter der Kirche, ein Garnisonsplatz ist ein paar Straßen weiter zu sehenZwei Jahre zuvor hatte Solomon T. dieses Haus verlassen, ohne ein Wort über seine Pläne zu verraten. Schon früh musste er für die Familie sorgen: Sein Vater stirbt, die Mutter leidet unter gesundheitlichen Problemen. Solomon T. verdient als Tischler Geld und versorgt so seine Familie. Dafür muss er jedoch die Schule abbrechen. Wer nicht zur Schule geht, dem drohen Wehrpflicht und Waffengewalt. Solomon T. beschließt seine Flucht.
 
Er hat seine Mutter damals allein gelassen, sagt Solomon T., ihr nichts von seinen Fluchtplänen erzählt. Er wollte sie nicht in Gefahr bringen. Niemand sollte denken, dass sie seine Komplizin bei der Landesflucht gewesen sei. So blieb sie unwissend zurück. Bis heute. Solomon T. blickt zur Seite und schweigt. Gemischte Gefühle.
 
Silke Piel rät ihm, eine sogenannte „Rotkreuz-Nachricht“ an seine Mutter zu schreiben. Das ist ein kurzer handschriftlicher Brief, der Angehörigen, die nicht auf gängigen Wegen kontaktiert werden können, über das Rote Kreuz persönlich übermittelt wird. So haben zum Beispiel auch Inhaftierte eine Möglichkeit, ihren bangenden Familien ein Lebenszeichen zu schicken. Solomon T. verfasst die Nachricht sogleich im Büro von Silke Piel. Über den DRK-Suchdienst wird das Schreiben weitergeleitet an das die Delegation des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Asmara, Eritrea. Dort druckt ein Mitarbeiter Solomons Nachricht an seine Mutter aus und begibt sich persönlich zur vermuteten Adresse.
 
Und tatsächlich – dort findet er Solomon T.s Mutter. Aufgeregt liest sie die Nachricht ihres Sohnes, dass er am Leben ist – und verfasst auf der Stelle eine Antwort an ihn. Die nimmt den gleichen Weg zurück nach Magdeburg und Halberstadt. Drei Monate, nachdem Solomon T. seinen Brief verfasst hat, hält er die Nachricht seiner Mutter in der Hand – und eine Telefonnummer, unter der er sie erreichen kann.
„Es war so schön, das zu lesen“, sagt er. „Und noch schöner, dann endlich ihre Stimme wieder zu hören“.
 
Aktuell lebt Solomon T. in einer eigenen Wohnung. Er geht zur Schule und ist voller Zuversicht: „2018 will ich meinen Hauptschulabschluss machen“, sagt er. Danach möchte er Tischler werden. Er hat schon ein Praktikum in Holztechnik bei einer  Firma gemacht.
 
Am wichtigsten ist ihm, bald besser Deutsch zu sprechen und seine Freundin zu heiraten. Sie kommt auch aus Eritrea und die beiden haben sich in Deutschland kennengelernt. Und was ihn vollkommen glücklich machen würde: Sobald wie möglich seine Mutter wiederzusehen.