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16-Jähriger in München findet Familie über „Trace the Face“

150 Bilder veröffentlicht das Rote Kreuz monatlich auf der Website „Trace the Face“. Hamed Jafaris Vater erkannte das Bild seines Sohnes.
150 Bilder veröffentlicht das Rote Kreuz monatlich auf der Website „Trace the Face“. Hamed Jafaris Vater erkannte das Bild seines Sohnes.

Hamed Jafari* war 14 Jahre alt, als er seine Familie zum letzten Mal gesehen hat: Mutter, Vater und drei jüngere Geschwister. An der Grenze zwischen Afghanistan und Iran hatten sie einander verloren und Hamed setzte die Reise nach Deutschland alleine fort. Zwei Jahre später hat er dank des DRK-Suchdienstes seine Familie wiedergefunden. 

Hamed Jafari kam im September 2015 nach Deutschland. Ein halbes Jahr zuvor hatte Hameds Vater die Hoffnung auf ein sicheres Leben der Familie in Afghanistan aufgegeben. Er verkaufte das Haus und den gesamten Besitz der Familie, auch sein geliebtes Motorrad, und machte sich mit seiner Frau und den vier Kindern auf den Weg nach Deutschland. 

„Mein Vater war eine Art Hausmeister in Kabul. Er kann eigentlich alles“, sagt der 16-jährige Hamed.

Heute: Wohngruppe bei München

Der Junge ist nicht sehr groß, schlank und sportlich, wie ein Fußballspieler. Seine dunklen Augen sind freundlich und wach, auch wenn er zum Gespräch an diesem Nachmittag in München aus dem Bett geholt werden musste. Die Gruppenbetreuerin Frau Ender lächelt ihn an:

„Wie lange habt ihr gestern eigentlich gespielt?“, fragt sie und meint damit nicht Fußball, sondern Playstation. Frau Ender ist Betreuerin in der „Heilpädagogischen Wohngruppe“ bei München, wo Hamed mit neun weiteren jungen Geflüchteten lebt. Auf ihre Frage hebt er resigniert die Hand. Jaaa, richtig geraten, aber komm`, lass mal.

Es ist aufgeräumt und freundlich, die Atmosphäre ist eine Mischung aus Jugendherberge und Studenten-WG: Manche haben, wie Hamed, ein eigenes Zimmer, andere teilen eines zu zweit. Die Jugendlichen kochen zusammen mit den Betreuern und essen gemütlich zu festen Zeiten im gemeinsamen Aufenthaltsraum. 

Erinnerungen an die Familie

Alle Bewohner hier kamen 2015 als „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ nach Deutschland und warten seitdem auf ihre Anhörung – den Termin bei der Ausländerbehörde, wo über den jeweiligen Schutzstatus entschieden wird. „Anhörung“ – es ist eines der ersten neuen Wörter, die ein jugendlicher Flüchtling in Deutschland lernt.

Hamed kam im September 2015 nach Deutschland. Im April 2017 hatte er seine Anhörung. Eine Entscheidung, ob er bleiben darf oder nicht, ist noch nicht gefallen. Er geht in der Wartezeit zur Schule, spricht mittlerweile erstaunlich gut Deutsch und bewirbt sich gerade um eine Lehrstelle in einer Tischlerwerkstatt.

„Mein Vater hat mir in Afghanistan immer Mut gemacht“, sagt er. „Er hat immer kluge Sprüche gesagt, dass man nicht aufgeben soll.“ Er versucht, einen Spruch zu übersetzen, aber wackelt unzufrieden mit dem Kopf: „Wenn es überall dunkel ist, findet man helle Stelle.“ So in der Art. Es klingt offensichtlich nicht wie bei Papa.

Im Auto der Schlepper nach Deutschland

Im Mai 2015 verließ die Familie Kabul und kam per Lkw an der Grenze zum Iran an. Hamed erzählt von einer sehr chaotischen Situation zwischen Flüchtlingen, Grenzwächtern und diffusen anderen Akteuren. „Es gab eine Schießerei“, sagt er.

Hamed schaffte es in der Nacht alleine über die Grenze und hatte die Adresse einer Verwandten in einer anderen Stadt, zu denen die Familie wollte. Er wartete dort, aber von seiner Familie fehlte jede Spur. Nach einigen Monaten schloss er sich einer Gruppe von Flüchtlingen an, alle mit dem Ziel Deutschland.

Die Schlepper packten 25 Personen samt ihrer Taschen und Rucksäcke in einen Minibus. 25 Personen. Hamed hebt, während er erzählt, den Fuß mit der Sohle zur Wand und macht eine tretende Bewegung.

„Sie haben das Auto so vollgepackt, wie es ging“, sagt er.

Er presst die Arme an den Körper. „Ich konnte mich nicht bewegen. Während der Fahrt hatte ich eine Flasche Wasser in der Hand, aber konnte sie nicht zum Mund führen.“

Die Reise ging weiter per Auto, zu Fuß und mit dem Boot: Durch den Iran, über die Grenze zur Türkei, über das Mittelmeer nach Griechenland und dann durch den Balkan, Ungarn, Österreich und schließlich bis nach Deutschland. Über eine Million Menschen kamen in diesem Jahr nach Deutschland. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stellten 5.000 Afghanen in 2015 einen Asylantrag, im Jahr 2016 waren es noch einmal so viele.

Die Suche beginnt

Hamed bekam einen Vormund beim Kreisjugendamt in München und dieser erzählte ihm von der Möglichkeit, seine Familie über den DRK-Suchdienst zu suchen.

Er wischt den Finger über die Handfläche wie über ein Telefon. „Ich suchte auf der Webseite, ob meine Eltern ihr Bild online gestellt hatten. Es sind hunderte Fotos. Aber nichts gefunden. Dann bot der DRK-Suchdienst an, ein Foto von mir zu machen und ins Netz zu stellen.“

150 neue Bilder von Menschen, die ihre Angehörigen suchen, veröffentlicht das Internationale Komitee vom Roten Kreuz jeden Monat im Internet. Auf der Website Trace the Face erscheinen aus Datenschutzgründen nicht die Bilder von Gesuchten, sondern die der Suchenden. Auf jedem Bild ist eine Sprechblase zu sehen: „Ich suche meine Familie“, „Ich suche meinen Bruder“, „Ich suche meine Frau“. Das Bild muss bestimmte Vorgaben erfüllen; manche Gesichter blicken gleichgültig in die Kamera, manche ängstlich, Jungs machen auf „cool“ und Mädchen mit Kopftuch lächeln verlegen.

Oft ist der DRK-Suchdienst ihre letzte Hoffnung, die Familie zu finden – wenn die eigenen Bemühungen über Telefon, Facebook, WhatsApp oder über Angehörige zu Hause nichts ergeben haben. Genauso war es bei Hamed.

„Ich hatte mit meiner Familie abgeschlossen“, sagt Hamed. „Irgendwie dachte ich, es gibt sie nicht mehr. Niemand wusste etwas. Niemand hatte was gehört.“

Eines Tages kommt ein Betreuer der Wohngruppe und sagt, dass sie einen gemeinsamen Termin beim DRK-Suchdienst haben. „Komm` mit, wir nehmen die S-Bahn.“

Nach München zum Telefonieren

Bis zum DRK-Suchdienst sind es nur wenige Stationen, die Fahrt dauert unter einer halben Stunde. Hameds Betreuer will eigentlich nichts sagen, um keine falschen Hoffnungen zu wecken, aber dann kann sich doch nicht zurückhalten: „Hamed, vielleicht sprechen wir heute mit deinem Vater.“

Hamed schüttelt ungläubig den Kopf, wenn er daran zurückdenkt.

„Diese S-Bahn-Fahrt war die längste Fahrt in meinem Leben. So viele Haltestellen. Es hat ewig gedauert.“

Beim DRK-Suchdienst war zuvor eine E-Mail aus dem Iran eingegangen: Jemand hatte Hameds Bild gesehen und mit einem Klick darauf ein E-Mailformular aufgerufen und ausgefüllt versandt. Diese E-Mail erreichte den DRK-Suchdienst; der Absender hatte den Namen von Hameds Vater und eine Telefonnummer angegeben. Die Suchdienst-Mitarbeiterin Britta Busse hatte daraufhin versucht, über das IKRK-Büro in Teheran an ein Foto des Absenders zu kommen, ohne Erfolg. Schließlich lud sie Hamed und den Betreuer ein, mit ihr gemeinsam die angegebene Telefonnummer anzurufen.  

Sie wählten die Nummer im Büro von Britta Busse und stellten die Lautsprecherfunktion an. Die Antwort kam auf Dari, der Sprache von Hameds Familie, aber es wäre ganz egal gewesen, in welcher Sprache:

- Hallo?

- Hallo, hier ist Hamed.

Sie erkannten einander sofort. Im diesem ersten Telefonat gab es nicht viel mehr als Tränen des Glücks bei Vater und Sohn, sie tauschten ihre Telefonnummern aus. Aber seitdem hat Hamed Kontakt zu seiner Familie.

Gewissheit macht Lebensmut

„Ich merke wirklich einen Unterschied in ihm“, sagt Frau Ender. „Er ist nicht mehr so traurig, wie er es damals öfter sein konnte. Er hat im Endeffekt geglaubt, dass seine Familie tot ist.“

Die Familie ist im Iran: Nachdem sie von Hamed getrennt wurden, sind die Eltern und Geschwister nicht zurück nach Afghanistan gereist, sondern verweilten in Teheran. Natürlich hofft Hamed, dass sie sich wiedersehen. 

Aufenthalt oder nicht?

Es sieht nicht schlecht aus: 90 Prozent aller unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge erhielten in 2016 Schutz in Deutschland und für einen 16-Jährigen wie Hamed, der keine Familie im Heimatland hat, zu der er zurückgeschickt werden könnte, ist die Rechtslage gut.

Aber die Gerüchteküche kocht unter den Jugendlichen. Immer kennt jemand jemanden, der gehört hat, dass einem Bekannten dies oder das passiert ist. Horror-Szenarien, die niemand überprüfen kann, verbreiten sich schnell:

„Ich habe von einem Jungen gehört, der unter 18 war, aber er wurde trotzdem abgeschoben. Die haben ihn verwechselt und einfach ins Flugzeug gesetzt. Jetzt ist er zurück in Afghanistan.“

Es ist eine angespannte Zeit für Hamed Jafari. Aber er gibt die Hoffnung nicht auf. Das Licht im Dunkeln ist noch zu sehen.

* Name von der Redaktion geändert