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Tafete T. suchte und fand seinen Vater. Zweimal.

Tafete T. aus Äthiopien und Reiner Helm, ehrenamtlicher Mitarbeiter im DRK Kreisverband Nürnberg-Stadt, der seine Suche intensiv begleitet hat. Foto: DRK-Suchdienst
Tafete T. aus Äthiopien und Reiner Helm, ehrenamtlicher Mitarbeiter im DRK Kreisverband Nürnberg-Stadt, der seine Suche intensiv begleitet hat. Foto: DRK-Suchdienst
NÜRNBERG Für die meisten sind die Eltern oder die eigenen Kinder nur einen Spaziergang, eine kurze Reise oder ein Telefonat weit entfernt. Anders für Tafete T. aus Äthiopien, dessen Vater nicht nur ein-, sondern gleich zweimal plötzlich spurlos aus seinem Leben verschwand.
 
In einem Wirrwarr aus politischen Konflikten, Flucht und Gefangenschaften versuchen die beiden seit über 20 Jahren, miteinander Kontakt zu halten. Der Suchdienst des Roten Kreuzes konnte ihnen dabei helfen.  
 
Tafete T., vor fast 40 Jahren in Äthiopien geboren, lebt heute in einer Flüchtlingsunterkunft in Bayern. Er hat ein freundliches Gesicht, seine Nase erscheint leicht schief, sie war einmal gebrochen. Er trägt einen Anhänger mit einem Kreuz um den Hals. Bis zum Alter von 12 Jahren lebte er zusammen mit Mutter, Vater und Schwester in Äthiopien und vom Gemüseanbau. „Ich ging zur Schule. Ich erinnere mich, wie mein Vater immer zu mir gesagt hat, ich soll fleißig in der Schule sein“, sagt Tafete T.
 
Eines Tages kam der Vater am Abend aber nicht nach Hause. Er war wie vom Erdboden verschluckt. „Niemand wusste etwas. Meine Mutter nicht, ich nicht, meine kleine Schwester sowieso nicht. Mein Vater war einfach nicht mehr da. Es hat meine Mutter sehr hart getroffen. Sie war wie gelähmt ohne ihn. Ich war auch nicht mehr so gut in der Schule nachdem er weg war.“ 
 
Gerüchte und Vermutungen
Der Vater gehörte einer Gruppe der politischen Opposition an; die Familie wurde immer wieder von Personen befragt, die nach dem Vater suchten. Dass er geflohen oder untergetaucht sein könnte, schien nicht unwahrscheinlich. 
 
Freunde der Familie berichteten, der Vater lebe, er befinde sich im Sudan, einigermaßen sicher. In den 1990er Jahren suchten viele Verfolgte aus Äthiopien Zuflucht im Nachbarland.
 
„Mein Gefühl war die ganze Zeit, er ist am Leben“, sagt Tafete T. „Die Kinder haben mich in der Schule gehänselt, ich hätte keinen Vater. Aber ich war sicher, ich habe einen Vater, er ist bloß nicht hier.“
 
Auch Tafete T. begann, sich politisch zu engagieren. Als Angehöriger seines Stammes setzte er sich in dessen Namen für freie Wahlen und ein allgemeines Wahlrecht ein. Als er 24 Jahre alt war, wurde die Situation jedoch unerträglich für ihn.
 
„Eines Nachts drangen fremde Menschen bei uns ein und schlugen mir im Bett mit einem Gewehrkolben ins Gesicht, dadurch wurde meine Nase gebrochen. In dem Moment begann meine Flucht. Ich floh in den Sudan, erst als ich dort war, konnten Ärzte sich um meine schlimm zugerichtete Nase kümmern.“
 
Im Sudan angekommen, suchte er Hilfe beim Roten Halbmond, der Schwestergesellschaft des Roten Kreuzes in vielen Ländern weltweit. Als die Mitarbeiter dort erfuhren, dass Tafete T. seinen Vater suchte, stellten sie für ihn Kontakt zum Suchdienst des Sudanesischen Roten Halbmondes her. Die Suche stellte sich als ungewöhnlich leicht heraus: Der Vater war für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz tätig, die Mitarbeiter erkannten seinen Namen. 
 
Das erste Wiedersehen
Einer von ihnen fuhr mit Tafete T. in die benachbarte Stadt, wo der Vater arbeitete. In den Räumlichkeiten des UNHCR, wo er als Flüchtling im Sudan regelmäßig seinen Aufenthalt verlängern musste, traf Tafete T. seinen Vater endlich wieder. Nach zwölf Jahren der Trennung. Das zwölfjährige Kind war mittlerweile ein 24-jähriger Mann.
 
„Wir erkannten einander sofort und als er mich in den Armen hielt, wiederholte er die ganze Zeit: „Ich bin schuld. Es ist alles nicht deine Schuld gewesen.“ „Ich habe mich tatsächlich nie schuldig gefühlt, dass er verschwunden war. Ich habe es ja später auch verstanden. Aber ich glaube, er selbst hatte ein sehr schlechtes Gewissen deswegen.“ 
 
Auch Tafete T. konnte daraufhin im Sudan Arbeit finden. Als Fliesenleger lebte er zusammen mit seinem Vater in der Hauptstadt Khartum. Im Sudan lernte er auch seine zukünftige Frau kennen. 
 
Einige Jahre später verschwand der Vater allerdings erneut, wieder ganz plötzlich. Für Tafete T. gab es keinen Zweifel, dass das Verschwinden auch diesmal wieder mit seinem politischen Engagement zusammenhing. Tafete T. war sicher, dass er erneut habe untertauchen müssen.
 
„Um an meinen Vater heranzukommen, haben sie mich dann verhaftet. Die schlimmsten Sachen wurden mir im Gefängnis angetan.“
 
Flucht nach Deutschland
Tafete T. erzählt, dass seine Frau ihn aus dem Gefängnis freikaufen konnte. Danach verließen sie den Sudan zusammen. Zunächst über Libyen und dann über das Mittelmeer, via Italien schließlich im Jahr 2015 bis nach Deutschland. 
 
In Deutschland bekommt Tafete T. den Hinweis, sich erneut an das Rote Kreuz und den Suchdienst zu wenden, um überhaupt eine Chance zu haben, wieder in Kontakt mit seinem Vater zu kommen. In der Flüchtlingsunterkunft kümmerte sich ein ehrenamtlicher Suchdienst-Mitarbeiter, Reiner Helm, um seinen Fall.
 
„Wir haben es auf allen Wegen versucht. Irgendwann kamen wir auf die Idee, auch bei der Kirchengemeinde nachzufragen, die der Vater in Khartum häufig besuchte. Die Kollegen vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Khartum machten auf Bitte des DRK-Suchdienstes in dieser Kirche einen Aushang.
 
Der zweite Treffer
Und es funktionierte! Anfang 2019 übermittelte der Suchdienst des Sudanesischen Roten Halbmonds dem DRK-Suchdienst eine Telefonnummer. In den Büroräumen des DRK konnte Tafete T. seinen abermals verlorenen Vater anrufen. Auch für Reiner Helm, der ihn die ganze Zeit bei seiner Suche unterstützt hatte, war dies ein besonderer Moment.
 
„Da flossen natürlich die Tränen“, sagt Reiner Helm. „Es war sehr bewegend für uns alle.“
 
Tafete T. lebt mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen, in Deutschland geborenen Kindern weiterhin in einer Flüchtlingsunterkunft. Ob sie bleiben können, ist ungewiss. Sein größter Wunsch? Nicht fort zu müssen - und seinen Vater wiederzusehen.