Gewissheit über das Kriegsschicksal des Großvaters sowie unerwartete familiäre Verbindungen

„Ich suche nach meinem leiblichen Großvater, dessen Namen ich allerdings nicht mehr genau weiß.“ Mit diesen Worten wandte sich Anna Schmidt* an den DRK-Suchdienst und seinen Fachbereich “Schicksalsklärung Zweiter Weltkrieg”.

Was Anna bei ihrer Anfrage noch nicht ahnt: Der DRK-Suchdienst wird nicht nur das Schicksal ihres Großvaters klären können, sondern auch noch lebende Angehörige von ihr ausfindig machen.

Annas Mutter Hannelore war ein nichteheliches Kind. Sie wuchs ohne Vater auf und wusste nichts über ihre Halbgeschwister. Krieg und Vertreibung ließen zunächst alle Spuren verschwinden. Jahrzehntelang blieb diese Lücke in der Familiengeschichte – eine Ungewissheit, die sie schließlich zur Suche bewegte. Erst viele Jahre später öffneten sich dabei für ihre Tochter Anna neue Wege.

Dank der umfangreichen Archivunterlagen der sogenannten „Zentralen Namenskartei“ – insbesondere aber anhand der Akten deutscher Kriegsgefangener und Internierter, die der Suchdienst in den 2000er Jahren aus den ehemaligen sowjetischen Archiven erhalten hat – gelingt es den Mitarbeitenden stückchenweise, Spuren der Angehörigen zu finden. Aus einzelnen Fragmenten entstehen nach und nach Zusammenhänge: Namen, Orte, Verbindungen. Schritt für Schritt setzt sich das Schicksal einer Familie zusammen, deren Mitglieder über Krieg, Flucht und Verlust hinweg miteinander verbunden geblieben sind, obwohl sie einander nie begegneten. 

So führt die Spur schließlich zu Johann Müller, Annas gesuchtem Großvater. Sein Schicksal lässt sich anhand der Gefangenenakten zweier seiner Söhne nachvollziehen. Diese Dokumente erzählen nicht nur von Militärdienst und Gefangenschaft, sondern auch von Menschen und ihren Familien. Laut den Unterlagen hatte Johann Müller sieben eheliche Kinder: vier Söhne und drei Töchter. Er selbst war bereits im Jahr 1930 verstorben. Ein Teil der Familie lebte in der tschechischen Stadt Gablonz an der Neiße – und fand nach ihrer Vertreibung im bayerischen Neugablonz eine neue Heimat.

Die Recherchen des DRK-Suchdienstes zeigen, wie weitreichend das Schicksal dieser Familie vom Zweiten Weltkrieg geprägt war: Drei Söhne und ein Enkelkind von Johann Müller gerieten in Gefangenschaft der Alliierten. Die Brüder Hans und Richard dienten nicht in der Wehrmacht, wurden aber als Zivilisten in sowjetische Arbeitslager verschleppt. Hans überlebte dies nicht – er starb im Lagerlazarett in der Region Tambow (Russland). Richard wurde zwar bereits im September 1945 aus dem Lager in Karaganda (Kasachstan) entlassen, doch kehrte er nie nach Hause zurück. Ob er auf dem Rückweg verstarb oder erst nach seiner Rückkehr, ist bis heute ungewiss. 

Der Sohn Hermann geriet als Wehrmachtsangehöriger in britische Gefangenschaft und konnte im November 1945 heimkehren. Auch der Enkel Philipp wurde im März 1945 in Ostpreußen gefangen genommen. Vier Jahre lang blieb er in sowjetischer Gefangenschaft – erst im November 1949 durfte er nach Hause zurückkehren.

Nachdem die Kinder des gesuchten Großvaters namentlich bekannt waren, konnten anhand der historischen Unterlagen sowie externer Quellen, z.B. Melderegister, schließlich auch Johann Müllers noch lebende Enkel – Annas Cousinen und Cousins – ermittelt und miteinander in Verbindung gebracht werden. So hat sich nach Jahrzehnten der Kreis geschlossen: Eine Lücke in Anna Schmidts Familiengeschichte und ein Schicksal, das über Jahrzehnte im Dunkeln gelegen hatte, ist geklärt. Und es kommt zur Begegnung der verschiedenen Zweige der Familie Müller - Angehörige, die einander nicht kannten und doch durch gemeinsame Wurzeln verbunden sind. Ihre Ungewissheit durch Krieg und Vertreibung, Zeitablauf und räumliche Trennung hat damit ein Ende gefunden: Denn in jeder Akte stecken nicht nur Namen und Daten, sondern immer auch Menschen und ihre persönlichen Schicksale.

*Hinweis: Zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte sind alle Namen redaktionell geändert.