Ein Vater auf Kuba: Nach über 30 Jahren ist für Katrin Hoffmann ihre eigene Geschichte jetzt komplett

Katrin Hoffmann ist in Brandenburg geboren und aufgewachsen. Wenn sie spricht, wird aus einem „s“ ein „t“: „Dat gefällt mir“, und als sie am Telefon ihre Geschichte erzählt, klingt ein freundliches Lächeln durch. Aufgrund ihres dunklen Teints und der braunen Augen, die sonst niemand in ihrer Familie hat, ahnte sie schon als Jugendliche, dass da mehr ist als ihre brandenburgische Herkunft. 

„Ich glaube, so mit zwölf, dreizehn Jahren habe ich begonnen, mir darüber Gedanken zu machen. Und es hat mich frustriert und verunsichert, dass da was war, was irgendwie nicht geklärt war“, sagt sie. Eines Tages fragt sie ihre Mutter einfach direkt. Die möchte nichts erzählen, aber Katrin, die eigentlich anderes heißt, aber hier anonym bleiben möchte, lässt nicht locker, bis die Mutter ihr die ganze Geschichte erzählt. 

Ende der 1980er Jahre war sie in der ehemaligen DDR in einer Fabrik beschäftigt, wo es auch Vertragsarbeiter aus den sog. „sozialistischen Bruderstaaten“ gab. Ihre Mutter verliebte sich in einen Kollegen und ging eine Beziehung mit dem Mann ein, der aus Kuba stammte. Aus dieser Verbindung ist Katrin entstanden. 

Doch die Sache war kompliziert: Zum einen war ihre Mutter zu der Zeit bereits verheiratet, zum anderen waren Liebesbeziehungen zwischen DDR-Bürgern und Vertragsarbeitern offiziell nicht erwünscht. 

Tatsächlich war dies nicht selten der Fall. Nach Angaben der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur kamen insgesamt rund 200.000 Vertragsarbeiter als Arbeitsmigranten in die damalige DDR, um dort befristet tätig zu sein. Es gibt keine offiziellen Statistiken darüber, wie viele von ihnen im Gastland DDR Beziehungen eingegangen sind, oder Angaben zu daraus entstandenen Kindern. Während in der damaligen DDR wenig über dieses Thema gesprochen wurde, ist es heute auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen: So hat das Museum Deutsches Auswanderhaus Bremerhaven im Jahr 2022 eine Ausstellung zur kubanisch-deutschen Geschichte in DDR und BRD konzipiert. In diesem Zusammenhang erzählen auch Menschen von ihren unterschiedlichen persönlichen und familiären Hintergründen mit Bezug zu Kuba und den beiden damaligen deutschen Staaten.

Katrin Hoffmann bezeichnet ihre Geschichte heute als „ein Familiengeheimnis“. 

„Ich habe mit meinem Vater, also meinem deutschen Papa, nie darüber gesprochen“, sagt Katrin. „Mit Mama, ja, und mit meiner Tante, mit der ich über alles gesprochen habe. Aber mit meinem Vater nie. Meine Tante war sauer auf meine Mutter, wie konnte sie nur und so.“ 

„Aber für mich war es eine Erleichterung, als meine Mutter mir alles erzählt hat. Ich wusste jetzt, warum ich so aussehe. Das war ok. Ich war froh, es einfach zu wissen.“ 

Katrin ist kurz vor der Wende im Jahr 1989 geboren. Bereits vor ihrer Geburt musste ihr leiblicher Vater die DDR verlassen und reiste zurück nach Kuba. Die Mutter hatte davon nichts gewusst; eines Tages kam er nicht mehr zur Arbeit. Und das war es dann.

Auch wenn es viele persönliche Schicksale gibt, die dem von Katrin ähneln, bestanden kaum Möglichkeiten zur persönlichen Kontaktaufnahme aus der DDR nach Kuba und umgekehrt. DRK-Suchdienst-Mitarbeiterin Britta Busse hat in den 1990er Jahren im Bereich der Internationalen Suche gearbeitet und erinnert sich: 

„Paketweise kamen die Briefe hier vom Kubanischen Roten Kreuz an. Viele gegen Ende der 1990er Jahre und dann ab 2008, als Kuba sich politisch etwas geöffnet hat. Anfangs verlief die Suche über die Mütter, da die Kinder noch minderjährig waren, aber später konnten wir Kontakt direkt mit den volljährigen Kindern aufnehmen.“ 

„Meine Mutter hatte ein Bild von meinem kubanischen Vater aufbewahrt und ich wusste, wie er aussah, aber ich kann nicht sagen, dass ich große Sehnsucht nach ihm hatte“, sagt Katrin Hoffmann. „Ich hatte ja eine Familie. Mein Papa, also mein deutscher Papa, ist auch mein Papa. Wir haben ein gutes Verhältnis und ich hatte eine ganz normale Kindheit mit ihm. Auch wenn wir nie darüber gesprochen haben, und es auch wahrscheinlich nie machen werden. Ist einfach so.“

Als Katrin älter wurde und selbst Kinder bekam, wurde das anders. „Da wollte ich meinen leiblichen Vater wirklich suchen. Ich wusste ja gar nicht, ob er vielleicht weiter in Deutschland lebte oder ob er zurück nach Kuba war. Was ist, wenn er hier um die Ecke wohnt?“

Über soziale Medien beginnt sie, nach dem Namen zu suchen, ohne Erfolg. Sie stolpert über eine Fernsehsendung, die verspricht, Menschen bei der Suche nach ihren Verwandten zu helfen, aber „da hätte ich ja mit Namen und Gesicht auftreten müssen“.

Schließlich kommt sie auf den DRK-Suchdienst. Bei einer DRK-Suchdienst-Beratungsstelle in Brandenburg entscheidet sie sich für eine Suchanfrage, schreibt auf, was sie von den familiären Umständen weiß, und überlässt alles weitere dem Roten Kreuz. 

Und der DRK-Suchdienst tut, was er aufgrund seines humanitären Mandats immer macht: Er forscht nach dem Verbleib des vermissten Vaters und leitet Katrins Suchanfrage weiter an das Kubanische Rote Kreuz. Es dauert nicht lange, da kommen über die dortigen Suchdienst-Mitarbeitenden eine Telefonnummer und eine Adresse zurück, verbunden mit einem Schreiben, dass die gesuchte Person, ihr unbekannter Vater, auf Kuba und einverstanden damit sei, dass seine Kontaktdaten an die suchende Person, die ihm unbekannte Tochter, weitergegeben werden.

Katrin zögert nicht lange. Zusammen mit ihrer besten Freundin setzt sie sich hin, mit der Telefonnummer, einer Messenger- und einer Übersetzungs-App. Sie verfassen eine Nachricht, übersetzen diese ins Spanische und schicken sie los. 

„Klar hat er sich gefreut“, erinnert sie sich heute, ein halbes Jahr später. „Wir haben auch telefoniert, mit Video und so. Er ist älter als auf dem Bild, aber ich habe ihn schon erkannt. Nur mit der Sprache war es nicht so einfach. Es lief besser mit Kurznachrichten“. 

Katrin sendet Bilder von sich und von ihren Kindern und der Vater kann nun erstmals seine Enkel sehen. 

„Aber dann nach einer Weile war es auch gut, irgendwie. Ich bin sehr glücklich, dass ich zu ihm Kontakt bekommen habe, aber viel mehr musste es nicht sein. Das hat für mich meine Neugierde und vielleicht Unsicherheit befriedigt, sag’ ich mal. Ich bin mit mir jetzt im Reinen und das ist schön.“

Ob sie sich treffen werden? Das scheint Katrin nicht so wichtig zu sein. Kuba ist weit weg und man reist nicht einfach so dahin. Aber sie hat Gewissheit. Und die hat ihr auch Zufriedenheit gebracht.